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Sandra Buchmann und Lee Ann Müller, PH Zug

Der Klassenrat ist ein schulisches Partizipationsformat, das verschiedene pädagogische Zielsetzungen vereint: Soziale und sprachliche Kompetenzen der Schüler:innen sollen gefördert, demokratische Prinzipien vermittelt und das Verantwortungsbewusstsein der Teilnehmenden gestärkt werden (vgl. de Boer, 2006, LP 21). Durch die verstärkte Partizipation und die (vermeintliche) Übernahme der Leitung durch die Schüler:innen wird die Rolle der Lehrperson in der Literatur aber oft als ambivalent bezeichnet (vgl. Bauer, 2013). Dieser Artikel präsentiert unterschiedliche Lehrpersonentypen im Klassenrat - zu welchem gehörst du?

Um was geht es?

Im Rahmen zweier an der Pädagogischen Hochschule Zug durchgeführten Projekte zum Klassenrat wurden 14 Lehrpersonen je zwei Mal zu ihren Einstellungen und Haltungen in Bezug auf den Klassenrat befragt.  Die Befragungen zielten zum einen auf das Rollenverständnis der Lehrpersonen, zum anderen auf die Zielsetzungen, welche die Lehrpersonen mit dem Klassenrat verfolgen.  

In diesem Artikel liegt der Fokus darauf, einerseits die Bandbreite von Rollenverständnissen im Klassenrat aufzuzeigen und andererseits, basierend auf dieser Vielfalt, eine Typisierung der Lehrpersonen vorzunehmen. Abschliessend wird darüber nachgedacht, wie die präsentierten Ergebnisse für die Praxis weitergedacht werden können. 

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Hintergrundinfos: Die Rolle der Lehrperson im Klassenrat 

Um eine Typisierung der befragten Lehrpersonen vorzunehmen, soll im Folgenden das Rollenverständnis der Lehrperson im Klassenrat kurz umrissen werden. Dieses ist aufgrund der normierten Struktur des Klassenrats oft ambivalent und kann stark variieren. Es zeigt sich beispielsweise bereits räumlich: So sitzen einige Lehrpersonen als Teilnehmer:innen im Sitzkreis oder sie positionieren sich bewusst an einem Ort ausserhalb des Sitzkreises, um den Schüler:innen z.B. die Möglichkeit zu bieten, Leitungsaufgaben zu übernehmen (Gregori, 2021, S. 40). Oftmals gerät die Lehrperson bei einer Übergabe der Steuerung an die Schüler:innen in einen Interessenskonflikt: Obwohl sie die Leitung abgibt, wird sie von den Teilnehmenden immer noch als “besondere Teilnehmerin” wahrgenommen: Diese Ambivalenz lässt sich nur schwer auflösen (Rieker et al., 2016, S. 114) und kann zu einem Rollendilemma der Lehrpersonen führen. So beschreibt eine Lehrperson, die im Rahmen der Klassenratsprojekte interviewt wurde, die Situation im Klassenrat wie folgt:  

Ich habe meine Rolle mehrheitlich als Beobachter eigentlich wahrzunehmen, oder. Und wenn ich diese Meinung vertrete, dass es eben wichtig ist, dann ist es eine grosse Herausforderung, da sich eben rauszuhalten. Vor allem wenn man sieht, wie das dann in die irgendwie sich, wie ein Hamsterrad dreht und man immer wieder zum Gleichen kommt. Und das zu ertragen, das gelingt mir definitiv nicht immer.

 

Das Beispiel dieser Lehrperson zeigt deutlich, wie ihre Rollenvorstellung von ihrem tatsächlichen Handeln abweicht (Leuchter et al. 2006, S. 563): Sie möchte als Beobachterin agieren, diese Position den Schüler:innen vermitteln und ihnen damit Verantwortung abgeben. Nichtsdestotrotz ergeben sich Situationen, in denen es der Lehrperson schwerfällt, sich zurückzuziehen – gerade, wenn sich Diskussionen im Kreis oder im “Hamsterrad” drehen. 

Lehrpersonentypen 

Um die verschiedenen Rollenverständnisse im Klassenrat zu bündeln, wurde in der vorliegenden Untersuchung eine Typisierung der Lehrpersonen vorgenommen. Dafür wurden aus dem vorliegenden Datenkorpus die Interviews mit Lehrpersonen aus den höheren Klassenstufen 6-9 ausgewählt. Die Beschränkung auf sieben Lehrpersonen erfolgte, um bezüglich Klassenstufe eine gewisse Einheitlichkeit zu gewährleisten. Von Interesse waren Auswertungen der Analysekategorie “Rolle/Verhalten der Lehrperson im Klassenrat”. Für jede Lehrperson wurden die Aussagen zum Rollenverständnis herausgefiltert und zu einer Typisierung zusammengezogen. Nachfolgend werden zwei Beispiele präsentiert, die dieses Vorgehen zeigen.   Durch dieses Vorgehen konnte zu folgenden Typisierungen von Lehrpersonen im Klassenrat gelangt werden:  

  

  • Typ 1: Strukturierte Führungsperson  

  • Typ 2: Zurückhaltung übende Führungsperson  

  • Typ 3: Delegierende Führungsperson  

  • Typ 4: Unterstützendes Vorbild  

  • Typ 5: Zurückhaltende/r Beobachter:in  

  

Im Folgenden werden die fünf herausgearbeiteten Lehrpersonentypen kurz beschrieben. 

Typ 1: Strukturierte Führungsperson  
 

Dieser Typ zeichnet sich dadurch aus, dass der Klassenrat stark normiert ist und sprachliche Handlungen mithilfe von Gesprächsregeln und multimodalen Tools wie z.B. Redekärtchen oder einer Protokoll-/Votenvorlage reguliert werden. Die Lehrperson sieht sich sehr stark als “Führungsperson”. Dies zeigt sich in der Häufigkeit der angewendeten Kategorisierung “Bestimmende Instanz”, die bei einer Lehrperson beispielsweise 10x zutraf.   

Typ 2: Zurückhaltung übende Führungsperson
  

Bei diesem Typ zeigt sich das Rollendilemma, das aufgrund der “pragmatischen Doppelrahmung” auftreten kann: Die Lehrpersonen sehen sich einerseits als verantwortlich für die Strukturierung des Klassenrats und greifen öfter ein (“verantwortliche und eingreifende Instanz”), sie versuchen gleichzeitig jedoch, Verantwortung abzugeben und sich zurückzuziehen (“Rückzug”).  

Typ 3: Delegierende Führungsperson  
 

Auch dieser Lehrpersonentyp sieht sich als verantwortliche Instanz und hat eine leitende Funktion im Klassenrat. Allerdings zeigt sich, dass die Verantwortungsabgabe an die Schülerinnen und Schüler gut zu funktionieren scheint und bei Vorgabe der Themen und des Ablaufs ein Rückzug der Lehrperson möglich ist.   

Typ 4: Unterstützendes Vorbild   
 

Dieser Lehrer:innentyp sieht seine Rolle nicht primär darin, sich zurückzuziehen, sondern wann immer möglich unterstützend zu agieren. Die Lehrperson wird von den Schüler:innen häufig adressiert, sei es in Bezug auf informative oder strukturelle Unklarheiten innerhalb des Klassenrats. Dieser Typ bezeichnet sich selbst als Vorbild für die Schüler:innen und möchte dementsprechend, dass sich diese auch mit dem Klassenrat identifizieren.   

Typ 5: Zurückhaltende Beobachter:in 
 

Der Typ “zurückhaltende/r Beobachter:in” zeichnet sich durch eine starke Ausprägung von Interviewaussagen aus, die den Kategorien “Rückzug” und “beobachtende Instanz” angehören. Die Lehrpersonen sehen ihre Rolle als Coach oder Beobachter und können sich stark rausnehmen. Die Verantwortung für das Gelingen des Klassenrats liegt mehrheitlich bei den Schüler:innen.  

Praktische Überlegungen 

 Abschliessend sollen Reflexionsideen für die Praxis vorgestellt werden, die aufgrund der präsentierten Ergebnisse erfolgen könnten.  
 

  1. Reflexionsaufgabe 1: Wie verhalte ich mich in meinem Klassenrat? Passe ich zu einem der vorgestellten Typen oder müsste für mich ein ganz anderer Typ gebildet werden? Wie würdest du deinen persönlichen Klassenratstypen bezeichnen? 

  1. Reflexionsaufgabe 2: Wo liegen die Stärken und Schwächen der verschiedenen Typen? 

  1. Transfer: Gibt es mögliche didaktische Empfehlungen für die verschiedenen Typen? Welche Tipps würdest du den jeweiligen Lehrpersonen geben? 

 

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Quellen
Bauer, A. (2013). “Erzählt doch mal vom Klassenrat!” Selbstorganisation im Spannungsfeld von Schule und Peerkultur. Universitätsverlag Halle-Wittenberg.  

de Boer, H. (2006). Klassenrat als interaktive Praxis: Auseinandersetzung – Kooperation – Imagepflege.  VS Verlag für Sozialwissenschaften. 978-3-531-90436-8.pdf (springer.com) 

D-EDK (2016): D-EDK (Deutschschweizer Erziehungsdirektoren-Konferenz) (2016): Lehrplan 21. Gesamtausgabe.https://v-fe.lehrplan.ch/container/V_FE_DE_Gesamtausgabe.pdf [21.09.2022]. 

Gregori, N. (2021). Lehrpersonenhandeln im Klassenrat: Eine interaktionsanalytische Untersuchung. Peter Lang. 9783034343916.pdf (oapen.org) 

Hauser, S., & Haldimann, N. (2018). Dimensionen von Partizipation im Klassenrat. In Bock, B., Dreesen, P. (Eds). Sprache und Partizipation in Geschichte und Gegenwart. (pp. 127-142). Hempen Verlag.   

Hauser, S., Mundwiler, V. & Nell-Tuor, N. (2020). Partizipative Unterrichtsforschung: Erfahrungsbericht über ein Projekt zum Klassenrat. Beiträge zur Lehrerinnen- und Lehrerbildung 38(1), 116-126. https://www.pedocs.de/volltexte/2021/21779/pdf/BzL_201_116-126_Hauser_et_al_Partizipative_Unterrichtsforschung.pdf  

Leuchter, M.; Pauli, C.; Reusser, K. und Lipowsy, F. (2006): Unterrichtsbezogene Überzeugungen und handlungsleitende Kognitionen von Lehrpersonen. In: Zeitschrift für Erziehungswissenschaft 9:4, pp. 562-579. 

Mayring, P. (2015). Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken. Beltz Pädagogik.  

Rieker, P., Mörgen, R., Schnitzer, A., & Stroezel, Holger (2016). Partizipation von Kindern und Jugendlichen. Formen, Bedingungen sowie Möglichkeiten der Mitwirkung und Mitbestimmung in der Schweiz. Springer VS (= Kinder, Kindheiten und Kindheitsforschung 15).  

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Aufgaben delegieren

“Ämtli” können an die Schüler:innen delegiert werden, beispielsweise das Führen der Traktandensammlung im Vorfeld des Klassenrats.